Tschernobyl und wie Zukunft verstehen können – Serienanalyse

Chernobyl Exclusion Zone (2015) 54

Alexander Blecher, blecher.info [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)]

Vor 8 Jahren schwelten die Reaktorkerne in Fukushima langsam vor sich hin. Es war als würden sie irgendwann in einer unkontrollierten Explosion, die Welt in eine atomare Endzeitwüste verwandeln. Nuklearwissenschaftler meldeten sich zu Wort ohne genau angeben zu können, was passieren würde. Einige überschritten die Grenze der wissenschaftlichen Zurückhaltung. So ließ Najmedin Meshkati von der University of Southern California verlautbaren, dass die Situation deutlich ernster sei als angegeben. Er forderte ein Eingreifen des UN-Sicherheitsrates. Andere „Experten“ gingen von einer Katastrophe auf Raten, gar von einem noch anstehenden Supergau aus. Am Ende jedoch blieb Tschernobyl das dramatischere Ereignis:

„Die österreichischen Spezialisten schätzen den Ausstoß an Radioaktivität in Fukushima verglichen mit Tschernobyl auf 10 bis 20 Prozent für Jod-131 und 20 bis 60 Prozent für Cäsium 137.

Sogenannte Doomsday-Voraussagen begleiten uns, seitdem den Menschen die Zukunft als Schicksal bekannt ist. Waren die Mittelalter-Eschatologien geprägt von der Flammenschrift des metaphysisch Bösen, konzentrieren sich moderne Endzeitszenarien auf die abstraktere Zerstörung des ökologischen Lebensraumes. Das Böse ist nun physikalisch repräsentiert durch kausal wirkende, jedoch unbeobachtbare Strahlung, Treibhausgase, die unmerklich die Athmosephäre aufheizen, durch Überwachungsideologien, die uns algorhythmisch verorten, durch toxische Verhaltensweise einer unsichtbaren Gendermacht, durch Zusatzstoffe einer Krebsindustrie. Die Unsichtbarkeit ist seit jeher ein fester Bestandteil unserer Welt und wird zunächst nur durch die Imagination bekannt. Ob sie am Ende real ist, ist eine kompliziertere Frage der Vernunft. Tatsächlich aber wissen wir mittlerweile aus Erfahrung: die meisten Endzeitszenarien scheitern an ihrer mangelnden Prognostizierbarkeit. Das Ende der Welt musste schon vielfach abgesagt oder verschoben werden. So hat sich das Waldsterben schon um die 30 Jahre verzögert, Arten sterben ebenfalls seit 30 Jahren aus, wir konsumieren ebenso lange die falschen Zusatzstoffen, der Nuklearkrieg wie auch der Zusammenbruch des Wirtschaftssystems stehen seit 30 Jahren vor der Tür, wir erwarten seit langem die Pandemie, eine globale Seuche und ja der Klimawandel ist seit den späten 80ern bekannt. Das soll nicht die Gefahr leugnen, aber der Alltag läuft ohne genaues Endzeitdatum weiter. Wie beim Essen ist jede Prognose eher die Angabe über die Mindesthaltbarkeit der Erde. Was nicht heißt, dass am Ende dann doch sehr schnell gehen könnte.

Die Schwierigkeit der Prognostizierbarkeit hängt mit dem Problem zusammen, dass Zukunft kein lineares Objekt ist. Wir selbst verändern die Zukunft mit unseren Handlungen und unsere Beobachtungen selbst sind ungenau, um ein multidimensionales Produkt wie die Zukunft zu bestimmen. Die Zukunft ist die offene Wunde des Geborenseins. Seitdem sich das Weltenzelt vor uns geöffnet hat, seitdem wir aus dem Geburtskanal in einen Lebensplan geworfen wurden, klafft diese Zukunft offen vor uns und zieht uns mit einem nie endenden Sog ins Unheil. Dabei ist sie mehr als Angst, oftmals begleitet von Verdrängung oder Hoffnung. Die Zukunft enthält Träume von Famile, der Partizipation am Unendlichen durch die Nachkommenschaft, sie enthält das Ideal eines Menschengeschlechts, das den Raum erforscht, doch sie bildet auch die rücksichtslose Zerstörung des Selbst in einer größeren Natur ab. Mit dem Tod sagen wir in der Zukunft den Verlust unseres Selbst im Nichts voraus. Die Zukunft steht damit zwischen absoluter Bedeutungslosigkeit und Unsterblichkeit. Sie pendelt zwischen Hölle, Himmel und doch wird sie Realität. Was also wissen wir von ihr?

Aus der Unsichtbarkeit der Gefahr bezieht die HBO-Kurzserie „Tschernobyl“ ihre Kraft. In der eindrucksvollsten Szene sieht man einen Liquidator, der unscheinbaren Schutt über ein Geländer wirft. Mehr nicht. Allein eine unsichtbare stochastische Gefahr liegt über ihm.

Verstrahlung ist wie eine geistartige Gefahr, eine Krankheit, die wir nicht sehen, eine Zukunft, die sich dann irgendwann vielleicht als Krebs und durch Fehlgeburten offenbart, aber sie ist eine Gefahr, die nicht gegenwärtig ist und nicht kausal als notwendig bestimmbar. Für die Zukunft des Strahlentods gibt es keine zwingenden Gründe, sondern maximal neigt sich unsere Gegenwart stärker dem Unheil entgegen. Mit dem  Gefühl, auf einer immer schieferen Ebene zu liegen, gleiten wir in das Nichts der Zukunft.

Was heißt Neigung?

Leibniz unterschied im Hinblick auf Gründe zwei Arten. Es gibt Gründe, die etwas notwendig bedingen, wie eine Billiardkugel eine andere anstößt und diese nach Naturgesetzlichkeiten weiterbewegt. Nachdem die Kugel angestoßen ist, muss sie sich notwendig bewegen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Gründe, die nur geneigt machen. So ist der Vater, der das Kind schlägt oder das Geschwisterteil, das das andere Geschwisterteil mobt, nicht der zwingende Grund für die Anfälligkeit an Depressionen und Ängsten. Dennoch sind es Gründe. Für Leibniz sind es, präziser gesagt, Gründe, die etwas neigen. In einem weiteren Geflecht an unendlichen Gründen machen uns die geneigten Gründe in diesem Moment zu dem, was wir sind. Wie muss man sich das vorstellen? Der einzelne Grund wirkt wie ein Tropfen, der sich mit anderen Tropfen in einem Faß sammelt. Der letzte Tropfen, der dann das Faß zum Überlaufen bringt, war dabei nicht der alleinige wirkende Grund. Er war nur der letzte Grund. Alle Gründe aber haben zusammengewirkt und somit in untschiedlichen Anteilen, das Überlaufen bewirkt. Vielleicht muss man sich so auch die Gesetze der Korrelation vorstellen, die wir so oft von Kausalität abgrenzen. Bei Strahlenkrankheiten unterscheiden wir daher auch zwischen deterministischer Strahlungsdosis und stochastischer Strahlungsdosis.

Strahlung als Grund für Krankheit

Blicken wir so nach Fukushima, so sehen wir nicht viel. Zumeist sind es Strahlungsgeschoße, die in kleinen Dosen vom Körper nicht beachtet werden. Sie sind stochastisch. Die Strahlung aber in der Nähe der Reaktoren besteht aus tausenden von unsichtbaren Kugeln, die uns durch rasen. Keine von diesen Kugeln tötet, aber sie zusammen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, zu sterben.

Hierbei lässt sich auch auf unsere Gesellschaft blicken, denn unsere Gesellschaft wirkt genauso. Sie setzt sich zusammen aus kleinen Gründen, die ihre Wirkung erst im Konglomerat stochastisch entfalten. Wir können die Zukunft daher nicht ohne Weiteres in der Gegenwart entdecken. Und so sieht der Reaktor in Fuksuhima sogar glänzend aus. Tepco ist um ein positives Image bemüht:

Noch nach dem Unfall bat Tepco den japanischen Präsidenten darum, die Arbeiter vom Kernkraftwerk abziehen zu dürfen. Dieser reagierte harsch. Es gehe nicht mehr um Tepco, sondern darum, dass Japan nicht zusammenbreche. Wie groß aber war die Gefahr, wenn bereits die Betreiberfirma die Arbeiter abziehen wollte? Warum also sieht es jetzt wie eine rosige Zukunft aus, wenn man zuvor bereit war, das Kraftwerk aufzugeben?

Die Zukunft aus der Geschichte lernen?

Hegel, als erster Geschichtsphilosoph, wusste bereits, dass die Geschichte uns nur eines lehrt, dass wir nicht aus ihr lernen. Wer daher Geschichte lernt, ist verdammt, zuzusehen, wie wir sie wiederholen. Geschichtswiederholung betreibt daher auch HBO mit der Sensations-Serie „Tschernobyl“.

Warum aber interessieren wir uns für einen Unfall, der nunmehr 30 Jahre erzählte Geschichte ist? Vielleicht, weil sich im Moment alle dafür interessieren? Ist es eine Mode? Vielleicht interessieren wir uns, weil die Gefahr des Todes in unserem Leben doch größer ist als wir zugeben wollen.

Was geschah in Tschernobyl?

Als die Armee in Tschernobyl eintraf, war der leise Tod bereits spürbar. Alle hatten diesen metalischen Geschmack im Mund. Die Evakuierungsmaßnahmen wurden sofort umgesetzt und das gesamte Areal von der Armee weiträumig gesäubert. In der Landschaft um Tschernobyl herum liefen umfangreiche Dekontaminationsmaßnahmen an. Alle Tiere wurden geschossen, da sie die Liquidatoren hätten verstrahlen können. Dörfer wurden eingeebnet und unter Sand begraben.

Doch die Dekontaminationmaßnahmen halfen nichts, wenn das Feuer im Reaktor, die Kernschmelze, nicht unterbunden werden konnte. Aus dem Reaktor in Tschernobyl stiegen Unmengen an radioaktivem Dampf auf. Diesen galt es als erstes einzudämmen, denn ohne die Beseitigung der Strahlenquelle wäre jede andere Arbeit nutzlos gewesen. General Antochkin befehligte ein Geschwader von 80 Helikoptern, dessen Auftrag es war, 70 Kilo Sandsäcke ins atomare Feuer abzuwerfen. Die Piloten wurden von der afghanischen Front zu dem weitaus gefährlicheren Einsatz abgezogen. Selbst in einer Höhe von 200 Metern gab es noch eine Strahlenbelastung von 1000 Röntgen, der doppelten tödlichen Dosis pro Stunde. Am ersten Tag wurden 110 Einsätze geflogen; am zweiten 300. Einige Piloten flogen 33 Einsätze pro Tag. Die Hitze war so hoch, dass sie nach 6 Säcken, die sie ins Feuer warfen, schweiß gebadet waren. Nach den Einsätzen mussten sie sich oftmals übergeben.

Die provisorische Bleiummantelung half nichts. Viele der Piloten starben Jahre später. Doch die genaue Zahl der Toten ist unklar. Es sind nur Einzelfälle bekannt. Die Toten, die aufgrund von Spätfolgen starben, wurden nicht statistisch erfasst. Es werden hier und dort immer wieder kleinere Fälle erwähnt (New York Times: Tschernobyl-Pilot starb an Krebs).

In Fukushima mutete man die ‚heroische‘ Aufgabe nicht dem Militär zu, das ja eigentlich zum Schutz der Bevölkerung da ist. Man wartete ab und ließ die Betreiberfirma den Schaden beheben.

Trotz der Hubschraubereinsätze in Tschernobyl kühlte sich das Magma aus Plutonium nicht ab, der Sand war unter der Hitze mittlerweile verglasst, daraufhin entschlossen sich die Behörden Blei in den Reaktor abzuwerfen, woraufhin große Teile der Brennelemente in die Athmosphäre verdampften. Dennoch konnte das Problem zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aus der Luft gelöst werden. Das nun radioaktive Magma musste Boden gekühlt werden.

Löschwasser unter dem Reaktor

Löschwasser hatte sich unter dem Beton angesammelt. Wenn die Betondecke unter dem Reaktor gebrochen wäre, und das Löschwasser verdampft wäre, dann wäre es zu einer zweiten Explosion gekommen, die mit einer Stärke von 3-5 Megatonnen noch das 320 Kilometer weit entfernte Minsk ausgelöscht hätte (wahrscheinlich eine eher sensationsgetriebene Schätzung). Europa wäre unbewohnbar geworden. Das Wasser unter dem Explosionskrater musste also abgepumpt werden. Im Blog der Tagesschau heißt es hierzu, dass Feuerwehrmänner sich mit Rohren an den Reaktor heranrobbten, um Rohre zu installieren, wodurch das Wasser schließlich abgepumpt werden konnte.

In Fukushima ließ man in der radioaktiven Brühe im Reaktor nicht mehr arbeiten. Erfolge wurden gefeiert, wenn das Licht in den Kontrollräumen wieder funktionierte.

Bergbauarbeiten
Die Gefahr einer weiteren Explosion lag in Tschernobyl nun nur noch bei bei 5- 10 %, aber weiterhin drohte das Magma in den Boden abzusickern und schließlich das Grundwasser zu vergiften. Also begann man bereits 17 Tage nach dem Unfall unter dem Kraftwerk einen Raum auszuheben, um den Reaktor von unten zu kühlen. Tausende Bergleute wurden herangefahren und begannen damit einen 140 Meter langen Tunnel und einen Raum für eine Kühlstation auszuheben. Der Raum war schließlich 2 Meter hoch und maß jeweils 30 Meter in der Breite. In dem Schacht war es unerträglich heiß, 50° Celsius. Die Bergleute verzichteten auf Mundschutz und tranken aus offenen Flaschen. In einem Monat und 4 Tagen gruben sie einen 150 Meter langen Tunnel, der unter normalen Bedingungen 3 Monate benötigt hätte. Zu den Gefahren äußert sich ein Bergarbeiter: „Irgendwer musste es doch machen […] Ich bereue nichts“. Schließlich entschied man sich, kein Kühlsystem zu installieren, sondern den Raum mit Beton auszufüllen.

Bau des Sarkophags

Die schwierigste Aufgabe aber stand in Tschernobyl noch bevor. Ein 170 Meter langer und 66 Meter hoher Sarkophag sollte schließlich den Reaktor 4 vollkommen ummanteln. Doch es war nur minutenweise Arbeit möglich (teilweise nur sekundenweise). Zwar arbeitete man mit ferngesteuerten Maschinen, doch Menschen mussten die Maschinen in Position bringen. Träger mit 70 Metern und 140 Tonnen wurden herangefahren. Mit Blei gepanzerte Fahrzeuge wurden eigens gefertigt. Das größte Problem aber war das Dach des Reaktorsgebäudes, wo noch die bei der Explosion herausgeschleuderten Graphitstücke des Reaktors lagen. Ein einziges Graphitstück konnte einen Menschen innerhalb einer Stunde töten. Zunächst versuchte man daher mit Robotern den Schutt vom Dach zu schieben und unten mit anderen Roboter zu vergraben. Doch bald schon wurden die Schaltkreise von den Maschinen beschädigt. Auch weil diese Roboter nicht mehr eingesetzt werden konnten, bekamen die Liquidatoren schließlich den zynischen Namen „Bioroboter“.

Für den Einsatz auf dem Dach mussten die Soldaten ihre eigenen Bleianzüge verfertigen. Bleischürze, Helm, Maske. Aufgrund des vielen Bleis wog die Uniform schließlich 26 – 30 Kilogramm. Jeder Soldat musste die Hölle nur fpr 2-3 Minuten ertragen. Der gewaltige Einsatz einer ganzen Armee, die bei weitem die Größe der Deutschen Armee (228.043 Soldaten) übersteigt, machte es möglich, dass verschiedene Teams jeweils für 45 Sekunden auf dem Dach arbeiten konnten. Bei Sirenenlärm stürmten 8 Soldaten auf das Dach und schafften in 45 Sekunden soviel Schutt wie möglich hinunter. Dieses entsprach einer Belastung von 7000 Röntgen pro Stunde. 10 Tage lang dauerte der Einsatz und alle 10 Minuten wurden neue Mannschaften aufs Dach geschickt. Viele bekamen nach dem Einsatz Nasenbluten und wurden sofort ins Krankenhaus gebracht. Ein Überlebender äußert sich: „Als wir vom Dach kamen, fühlten als hätten uns Vampire das Blut ausgesaugt“ und fügt dann doch hinzu: „Wir alle wollten durchhalten.“ Selbst 20 Jahre später könne er das Blei im Mund noch schmecken.

Trotz des Einsatzes konnte die Strahlung auf dem Dach dennoch nur um 35% reduziert werden. Später stellt sich heraus, dass die Belastung teilweise sogar 10.000 – 12.000 Röntgen für die Arbeiter betrug.

Médaille Tchernobyl goutte de sang.jpg
Der Bluttropfen gespalten durch Strahlung, Zeichen für den Tschernobyl-Einsatz Von LamiotEigenes Werk, CC BY-SA 2.5, Link

Als Zeichen der Dankbarkeit beakam jeder der Arbeiter vom Dach damals umgerechnet 100 US-Dollar. Der Lohn für 10.000 -12.000 Röntgen pro Stunde und ein geschädigtes Leben. 90 Sekunden, in denen das Leben einen ungewissen Schlag bekam, eine Neigung bekam. 18 Milliarden Rubel kostete die Reinigung in Tschernobyl insgesamt. Ein ungeheures Budget für damalige Verhältnisse.

Der GAU auf Raten, die Neigung zur Zukunft hin, wiegt uns in trügerischer Sicherheit. So wird sich auch die Radioaktivität ohne Dekontamination noch lange in der Nahrungskette halten. Noch heute muss zum Beispiel das Fleisch jedes fünften geschossenen Wildschweins aufgrund von zu hoher Strahlung weggeworfen werden (vgl.http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,753398,00.html).

Fukushima

In Japan zeigten sich andere Probleme. Notunterkünfte nahmen nur Flüchtlinge aus der 20-Kilometer-Zone um das AKW auf, die sich einer Strahlenuntersuchung unterzogen haben. Ärzte verteilten Zertifikate für strahlungsfreie Menschen. Viele Menschen flohen nach Süden.

Die Natur rächt sich spät. Horkheimer und Adorno haben schon der Dialektik der Aufklärung festgestellt, dass der Glaube der Naturbeherrschung durch Technik eine unkontrollierbare Technik schaffe. Lösungen schlagen in Probleme um. Kernschmelzen sprengen für einen Moment die gesellschaftliche Käseglocke der Unterhaltung, der Verdrängung. Was nun, wenn Technik sich als Sackgasse offenbart? Die ökologische Gefahr, die für uns Menschen eigentlich immer latent ist, wird selten real und wenn, dann ist es zumeist zu spät. Wir müssen daher erkennen: Zukunft ist nicht das kausale Produkt unserer Handlungen.

Epistemologische Fragen und Verschwörungstheorien

Im Fall von der Serie ‚Tschernobyl‘ wird der Reaktorunfall selbst als Grund für den Zerfall der Sowjetunion angeführt. Am Charakter Boris Shcherbina lässt sich der Zerfall der Sowjetunion nachvollziehen. Steht er am Anfang als Teil der Regierung noch auf Seiten des Politbüros, so wandelt er seine Ansichten, nachdem ihm die Folgen der Lügen bewusst werden. Die Russische Föderation war mehr darauf bedacht, das Gesicht zu wahren, als ihr Scheitern zu offenbaren. In der Serie wird er als der Mann dargestellt, der unter allen Beteiligten, die wichtigste Funktion hatte, aber auch er kämpft mit der Frage, ob er selbst nur ein Teil einer größeren Schieflage war.

Eine andere Position vertritt naturgemäß Gorbatschow, der letzte Präsidenten der UdSSR und amtierender Präsident während der Katastrophe. In einem Artikel in der Welt argumentiert er, dass Glasnost bereits eingeführt war und es daher keine Verschleierung gab. Grund genug für die russische Regierung einen neuen Film in Auftrag zu geben, der die wirklichen Umstände darstellen sollte. Demnach habe sich ein CIA-Agent während der Explosion im Nuklear-Reaktor befunden. Außerdem wurde der wichtigste Teil nicht dargestellt, nämlich der Sieg der Russen über die Katastrophe.

Auch dies gehört zur neuen Unsichtbarkeit von Macht: Wir identifizieren die Falschen und die Welt ist geneigt uns zu glauben. Simple Kausalketten lassen uns immer auf einen simplen Hintergrund schließen. Damit nehmen wir uns selbst die Möglichkeit, die Dinge so zu sehen, wie wir sie erfassen können. Zwar bleiben sie in einer wirklichen Betrachtung relativ und unklar, wir operieren mit Wahrscheinlichkeiten, aber zumindest machen wir nicht den Fehler an das Falsche zu glauben. Tatsächlich müssen wir nicht das Wahre suchen, das wir ohnehin nicht sicher erkennen können, sondern wir müssen das Falsche vermeiden, um nicht das Wahre, was wir erkennen können, zu verpassen. Das heißt noch abstrakter: Wie Zukunft kein lineares Objekt ist, das sich entlang des Fadens der Kausalität bestimmen lässt, so ist auch die Vergangenheit nicht linear abbildbar, wir müssen sie in unendlichen Analysen denken, ohne jemals den Gedanken an sie abzuschließen.

Machen wir es uns leicht mit der Geschichtsschreibung sind es immer Verschwörungen und Aktoren, große Männer. Gesellschaft und Zukunft aber entsteht aus unserem Miteinander, einer Verflechtung von unendlichen Gründen und zwar nicht nur notwendigen Gründen. Von diesem epistemologischen Problem, trotz wenigen Wissens große Gesellschaften bauen und erhalten zu können, davon handelt auch Tschernobyl. Es ist nicht nur eine Geschichte über die Vergangenheit oder eine Verschwörung, keine Geschichte der richtigen Darstellung, sondern eine Geschichte über unsere Zeit und unsere Zukunft, die sich aus der Unmöglichkeit zusammensetzt, sie eben nicht genau bestimmen zu können.

Zusatz

Hier nochmal die bewegensten Szenen aus der Serie ‚Tschernobyl‘.

Hier noch ein Erfahrungsbericht eines Liquidators aus Tschernobyl:
http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/11781/sein_einsatz_in_der_todeszone.html?o=position-ASCENDING&s=18&r=1&a=11781&c=1

Zusatz: Fasten

Ein paar interessante Aussagen zum Fasten lassen sich hier finden. Nachdem die Strahlenkrankheit 2 Jahre später bei Anatolij Podlesni auftritt, soll er mit dem Fasten beginnen:

„Dann kamen die Ärzte mit einem merkwürdigen Vorschlag: Ich solle drei Wochen lang nichts essen, um die Giftstoffe aus meinem Körper zu bekommen […] Mein Magen wurde ausgepumpt. Pro Tag habe ich mir bis zu zwei Kilo heruntergehungert. Nach drei Wochen wog ich nur noch 40 Kilogramm. Eines Morgens öffnete ich die Augen und sah alles nur noch verschwommen.

Nun sollte ich wieder anfangen, Nahrung zu mir zu nehmen. Sechs Tage lang habe ich nur einen Liter Möhrensaft pro Tag getrunken. Die Woche darauf durfte ich nur Salat und Haferbrei essen. Der Hunger war unerträglich. Ich konnte vom Krankenbett aus riechen, was unten in der Küche gekocht wurde. Doch irgendwie funktionierte es. Bald konnte ich wieder feste Nahrung zu mir nehmen, auch meine Stimme kam wieder. Heute glaube ich, dass die eigenwillige Therapie mein Leben gerettet hat.“

Es ist unklar, ob das Fasten hilfreich war.

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von Zukunft-Erde-Mensch

Dr. Norman Schultz, Mainz, Juli 2019.

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2 Kommentare zu Tschernobyl und wie Zukunft verstehen können – Serienanalyse

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